… ich finde, du musst da noch ein bisschen strenger sein.

… wenn Erziehungsstile die Freundschaft gefährden. 

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Gestern, 16:00, im Garten hinterm Haus. „Also weißt du, deine Tochter will ihre Gummibärchen nicht teilen und das lässt du ihr einfach so durchgehen? Ich finde das ist vollkommen unpassend. Kinder MÜSSEN teilen, das machst du wirklich ganz falsch. Wie soll sie da denn je das Teilen lernen?“ 

Stille. Unverständnis. Der erste Anflug von leichtem Ärger. Ein vielsagender Blick.

Doofe Kuh. 

Noch sehr milde versuche ich zu argumentieren: “Ja, da hast du sicherlich recht. Kinder müssen teilen lernen. Aber was vermittele ich meinem Kind wenn ich ihr ihr Eigentum wegnehme und sie zwinge es zu teilen, obwohl sie es nicht will? Denkst du nicht vielleicht, die Kinder klären das untereinander und werden eine Lösung dafür finden? Vielleicht isst dann keiner ein Gummibärchen, was meinst du?“

Stille ihrerseits. Ein vielsagender Blick. Für heute ist alles gesagt.

Ein wenig stumm sitzen wir nebeneinander, sprechen über Belanglosigkeiten und lächeln den Kindern freundlich zu.

Neben mir sitzt aber keine Fremde, auch keine Bekannte – sondern eine Freundin. Eine gute Freundin.

Meine Freundin mag ich unheimlich gerne – nur ihren Erziehungsstil nicht. 

Sie sagt:

  • Kinder müssen zum Teilen gezwungen werden
  • Kinder brauchen unabänderliche Regeln
  • Kinder brauchen eine starke führende Hand und direkte Worte
  • Kinder müssen stets hören und zu Diskussionen ist sie nur in den seltensten Fällen bereit
  • Autorität ist keine Floskel, sondern angewandte Erziehung
  • Kinder müssen sich den Eltern anpassen und nicht umgekehrt

Ich finde:

  • Kinder sind keine kleinen Soldaten und müssen nicht aufs Wort hören
  • Kinder brauchen zwar Autoritäten, aber vor allem liebevolle Führung und die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen
  • Kinder brauchen Regeln, die auch mal geändert werden dürfen
  • Kinder müssen sich den Eltern anpassen – und umgekehrt
  • Kinder müssen nicht zum Teilen gezwungen werden

Sie so: „Hallo, ich bin die Mudda hier!“ ich eher so „Hallo, ich bin deine Mammiiiiiiii. Komm, lass uns spiehiiilen“. 

Und unsere beiden Kinder sind furchtbar toll. Lilia spielt, lacht, liebt und ist albern, genauso wie meine Maxi auch. Sie hat großes Vertrauen in sich und die Menschen, ist eine freundliche Person und ein glückliches Kind.

Meine Freundin macht es keinesfalls falsch, nur eben anders. Und das führt manchmal zu unüberwindbaren Hindernissen. Aber nicht etwa bei den Kindern – sondern vor allem in unserer Freundschaft. 

Wir lachen und reden viel, aber ich Sachen Erziehung trennen uns nicht nur Berge, sondern ganze Gebirgsketten. Ich finde das, was sie macht, meistens ziemlich doof. 

Wir lernten uns kennen, da waren unsere Kleinen gerade 10 Monate alt. Damals war die Sache mit der Erziehung noch relativ undramatisch. Anhand „Nein, du darfst die Blumenerde nicht essen“ und „Ach komm, lass sie doch mal probieren, die spucken es schon wieder aus“ ließen sich noch keine stabilen Erzieherungsmuster ausmachen.

Je älter die Kinder wurden, desto deutlicher wurden unsere Ansichten – und sie waren unterschiedlich. Sehr unterschiedlich. 

Die Treffen mit unseren Kindern gestalteten sich zusehends schwieriger. Die Art, wie meine Freundin in manchen Situation mit ihrer Tochter agiert, stieß bei mir auf Unverständnis. Und auch sie verdrehte oft die Augen wenn ich mal wieder zum 123. Mal sagen musste, dass man mit Edding nicht auf Holztische malt. Das belastete nicht nur mich, sondern vor allem unsere Freundschaft. 

Relativ schnell war uns klar, dass es gewisse Bereiche unserer Freundschaft gibt, die wir besser nicht miteinander besprechen. Erziehung, Ansichten, Regeln. Denn wann immer es sich zufällig ergab, führte dies mit 90%iger Wahrscheinlichkeit zu nicht gerade kleinen Meinungsverschiedenheiten.

Nun kennen wir uns schon über 5 Jahre, manche Dinge haben sich geändert, andere nicht. Manchmal ist es gar nicht so einfach, eine klare Grenze zwischen „sie ist eine Mutter“ und „sie ist meine Freundin“ zu ziehen.

Denn in Sachen Freundschaft ist sie mir um einiges Voraus. Sie hat immer ein offenes Ohr, ist loyal, ehrlich und überaus lustig. Sie teilt meinen teils makaberen Humor, lacht mit mir über unsere Missgeschicke und Dummheiten.

Würde ich es nicht selber erleben, ich würde nicht glauben, dass man auch nur Teilaspekte von Menschen richtig gut finden kann. 

So dachte ich immer: der Erziehungsstil Y-X-A kovariiert mit Menschentypus I-O-T.

Nun mag es vielleicht so sein, dass man viele Mütter erst ein wenig später kennenlernt. Nämlich dann, wenn die Kinder etwas älter sind und man sich so gezielt Personen aussucht, die die eigenen Ansichten und Weltanschauungen teilen.

Wenn dem nicht so ist, steht man vor einem mittelgroßen Dilemma. 

Ich  mag dich ja echt gerne, aber deinen Erziehungsstil find ich kacke.

Da wir den Bruch unserer Freundschaft vermeiden wollten haben wir mittlerweile einen Weg gefunden, mit diesen Unterschieden umzugehen.  

  1. wir sprechen niemals nie über etwaige Erziehungsfragen oder Kinderdinge
  2. wir nehmen uns im Spiel der Kinder komplett zurück und versuchen, die Zeit als Freunde zu verbringen
  3. wir versuchen den anderen so zu akzeptieren, wie er ist. Was er macht. Was er hat und wie er mit den Dingen umgeht (dabei müssen wir das trotzdem nicht immer gut heißen 😉 )
  4. wenn sie mich liebevoll „heli-muddi, Vorsicht da fliegt dein Propeller“ nennt, schrei ich laut „hinstellen, Haare richten, Lächeln – deine Mudda hat gesprochen“ 
  5. wir versuchen wann immer es geht, auch mal Zeit ohne die Kinder zu verbringen – das festigt unsere Freundschaft und bestärkt uns in dem Vorhaben, daran zu arbeiten, uns nicht für das zu verurteilen was wir (im Auge der anderen) alles falsch machen

 

Für einige mag das ein wenig sonderbar klingen, bestimmte Dinge konsequent aus einer Freundschaft fernzuhalten, aber für uns ist das der einzige Weg, weiterhin lächelnd am Spielplatz zu sitzen und Frauengespräche zu führen. Und wenn man bedenkt: mit Männern spricht man ja auch nicht über Perioden-Probleme oder Feinstrumpfhosen. Das mach man dann mit Freundinnen – und ich bespreche Kinderdinge eben mit anderen Menschen – schadet mir nicht, ihr nicht – uns nicht.

Denn ich kann aus eigener Erfahrung berichten:

Es wäre nicht die erste Freundschaft, die aufgrund von Erziehungsfragen unschön beendet wurde. So wurde ich vor knapp zwei Jahren mehr oder minder jäh zurückgewiesen „Heute, deine ewige Geduld und dein Gesäusel mit deinen Kindern kann ich einfach nicht verstehen“. Ich wiederum habe mich von einer Freundin getrennt, die ihr Kind mit 1,5 Jahren zum Psychologen schickte, weil klein Miomosa-Marmanda-Armandine immer so anhänglich ist. Nachdem ich die 5. Stunde über Hochsensibilität, Hochbegabung und vegane Ernährung sprechen musste, warf ich schließlich das Handtuch.

So unterschiedlich wir Menschen auch sind – so unterschiedlich agieren wir auch als Mütter. Manchmal klappt das trotzdem mit der Freundschaft – manchmal auch nicht. Aber einen Versuch, das Ganze zu retten, kann es ja trotzdem wert sein.

In diesem Sinne

Frauheute

Aus Liebe zum Leben.

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2 Gedanken zu “… ich finde, du musst da noch ein bisschen strenger sein.

  1. Also so wie du ihre kleine beschreibst,scheint ihre Erziehung genau das hervorzubringen,was man sich wünscht,ein fröhliches ,aufgewecktes, selbstbewusstes Kind. Und damit denke ich ist alles gesagt.auch wenn man selbst andere Prinzipien verfolgt, heisst das ja nicht,dass man sich deshalb nicht freundschaftlich begegnen kann.Akzeptanz und Toleranz sind unter Müttern zwar selten verwendete Begriffe,aber wichtig im Umgang mit jedem Menschen der vielleicht einen anderen Standpunkt hat,als man selbst.

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