… „Kind, du lebst nur einmal“

… sagte heute meine Oma zu mir. Ihr müsst wissen: meine Oma ist eine sehr weise Frau.

Meine Oma überlebte den zweiten Weltkrieg, wurde aus ihrem Heimatland vertrieben, erlitt unendlich viele Schickschalsschläge und sah zahlreiche Menschen kommen und gehen.

Meine Oma wird bald neunzig – und sie ist mein großes Vorbild.

Weil sie mir aus einer Zeit erzählt, die nicht mal in meiner Vorstellungskraft Raum finden mag. Sie erzählt von Leid, von Leben und von Glück. Sie erzählt von einem Leben ohne Internet, ohne Kindergartenplätze, ohne Essen und ein sicheres Zuhause.

Meine Oma lebte 10 Jahre auf 8 Quadratmetern- und dabei handelte es sich nicht um ihre Studentenwohnung. Es war das Zuahause der ganzen Familie. Ein Zuhause, in dem es nicht immer einfach war. Ein Zuhause, in dem es zu Weihnachten Walnüsse gab. Aber meine Oma sagt, alle haben sich gefreut. Sie erzählt von Freundschaften und Erlebnissen, von vergangenen Chancen und Problemen, die eigentlich keine waren.

Manchmal glaube ich, meine Oma denkt, ich höre ich gar nicht richtig zu. Dabei bin ich nur sehr tief in Gedanken. Und dann kommt es vor, dass ich mich auch ein wenig schäme. Weil ich mich zu wenig melde, zu wenig Zeit mit ihr verbringe, zu viel fordere, zu unzufrieden bin und das Leben zu ernst nehme.

Ich lamentiere über steigende Benzinpreise, die Präsenz von Klatschblättern, die hohen Kitaunterbringungskosten, meinen Fettring am rechten Oberschenkel und meine Zahnlücke.

Wann immer ich mit meiner Oma spreche, legt sich eine glückselige Melancholie über mich. Und so fragte ich heute:“ Oma, ich würde so gerne wissen, dass morgen auch  noch alles gut ist. Oma, bitte! Sag mir, morgen ist immernoch alles gut“. Aber ich sagte ja schon, meine Oma ist eine sehr weise Frau.

Sie sagte“Kind, ich kann dir nicht sagen, dass morgen alles gut sein wird. Auch bei uns war nicht immer alles gut, so ist das Leben. Man muss es nehmen wie es kommt. Manchmal kommt es sehr schlimm, das ist sehr traurig. Aber weißt du, eigentlich können wir die Dinge immer ganz gut überwinden. Du brauchst Mut und Kraft, du kannst dich nicht unter der Decke verkriechen und dich tot stellen. Du wirst nie wissen, was morgen kommt. Dir bleibt nichts anderes, als das Jetzt zu leben“.

Dafür hätte ich meiner Oma gerne 10093 Küsse gegeben. Aber das ist eine andere Generation, ich habe sie lieber liebevoll umarmt.

Meine Oma ist bald 90 Jahre alt. Ich bin bald 30. Das klingt nicht nach viel Unterschied, oder? Ist es auch nicht. In Relation zu der Dauer, in der Menschen die Welt bevölkern, klingt es fast marginal. Dennoch trennen uns Welten, Geschichten. 60 Jahre.

Manchmal frage ich mich, was ich meinen eigenen Enkeln in 60 Jahren erzählen werde. Welche Ratschläge ich ihnen geben werde. Oder ob ich in 60 Jahren überhaupt noch leben werde. Oder ob ich jemals Enkelkinder haben werde. Aber das kann ich nicht wissen, deshalb bleibt mir nichts anderes als die Hoffnung – und das Leben im Jetzt. Augenblick für Augenblick, Gedanke für Gedanke und Gefühl für Gefühl.

Ich wünsche mir, ein bisschen mehr so zu sein wie meine Oma: dass ich in all dem grau-in-grau immernoch ein Herz voller Liebe haben werde. Dass ich niemals den Mut verlieren werde. Dass ich auch mit 90 Jahren noch sagen werde: „Mensch,  Kunnigunde. Horch, du bist ja noch so jung. Damals habe ich zwar ganz anders gelebt, aber eins, das ändert sich nie: Das Leben ist nur das, was du daraus machst. Du weißt nie, wie viel Zeit der Herr dir geschenkt hat. Welche Schickschalsschläge noch auf dich zukommen werden. Aber so lange du hier bist, tanze! Singe! Lache! Lebe! und vor allem: LIEBE Kind. Liebe. Das ist die Essenz des Lebens, verpass es nicht!

Weil das Leben am Ende nur die Summe aller Augenblicke ist.

Und für diesen Augenblick habe ich beschlossen, glücklich zu sein.

Wenn es auf dieser Welt auch nur ein paar Menschen geben würde, die ein wenig mehr wären wie meine Oma: Die Welt wäre ein besserer Ort.

 

In diesem Sinne:

frauheute

Aus Liebe zum Leben.

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2 Gedanken zu “… „Kind, du lebst nur einmal“

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