Warum manche Tage echte Arschlochtage sind.

… und warum man Arschloch eigentlich nicht sagt – sondern nur denkt.

Momentan ist im Hause Heute echt der Wurm drin. Ein großer Wurm. Eher so Blindschleiche. Oder Anaconda. Die ganz große.

Der „Wurm“ ist ja auch gar nicht so schlecht, nur eben ein bisschen anstrengend. Die zwei Minimenschen und ich, wir haben High Life, Rammstein-Konzert, Flohzirkus. Da ist was los, da steppt der Bär und tanz die Maus auf der Küchentheke. Ach was, der ganze  Mäusebau.

aber fangen wir erst einmal ganz langsam an…

Das beginnt mit den zahlreichen schlaflosen Nächten seit immer (diese Aussage könnte eventuell durch die Salienz aktueller Gegebenheiten beeinflusst sein. Sagen wir: Eher eine Woche), da übt die Maxime sich in Autonomie und die Minime in Präsenzmademoiselle. Da findet man schon Einkaufen anstrengend, den Haushalt überbewertet und die Kleiderauswahl läuft getreu nach dem Motto: „fast fleckenlos, kaum müffelig, perfekt“. Also in meinem Fall. Die Kinder kommen da noch gut bei weg.

Und da hatten wir heute Spielbesuch. Ich hatte das ja voll romantisch geplant. Erst ein gemeinsamer Spielplatzbesuch im Stadtpark, dann ein gefühlsduseliger Spaziergang im Schnee und anschließend Kaffee und Kuchen in der Stammkneipe. Oh, girls! What a fun. N – I – C – H – T. Doppelnicht. NICHT! NICHT! NICHT!

img_7787

Erst war der bedoofte Spielplatz klitschenass. Völlig kinderuntauglich. Der Spaziergang wurde gerade so geduldet -leider nur bis zur Hälfte der Strecke. Dann so „ICH GEH NICHT WEITER!NIEMALS NIE! TRAG MICH“. Ich so: muhahaha. Tragen. Ja klar. Kind, du wiegst  halb so viel wie ich! Auch sie hatte die Ernsthaftigkeit dieser Aussage nach kurzer Überlegung durchaus realisiert. Das war zu viel des Guten. Für sie – und für mich. Und was nun folgt,ist sowas von #mehrrealitätiminternet – dass ich selbst ein bisschen schmunzeln muss.

Sie stellte sich unter einen Baum. Und sie blieb da. Lange. Sehr sehr lange. Und sie fing an sehr wild rumzuschimpfen. Über mich. Über das Leben. Und über ihre Freundin. Plötzlich war alles sehr doof (O-Ton: Scheiße). Und besonders doof war das mitleidig dreinblickende Mädchen, das nur nebenan stand und gar nicht so recht wusste, was hier eigentlich geschah. Während sie so schimpfte, beschimpfte, rumfluchte und jammerte, dachte ich ein wenig nach. Und ich war genervt. Oh Jesus, was war ich genervt. Konnte es nicht verstehen, dass man über andere Menschen schimpft. Über Freundinnen. Beleidigend und fies ist. Und dann, dann machte es „klick“.

Dass genau ICH mein Kind zu dem erzogen habe, was es  nunmal ist. ICH ihr beigebracht habe, Gefühle und Gedanken klar äußern zu dürfen. Mit allen Konsequenzen. Dass ICH nicht erwarten kann, dass meine fünfjährige Tochter die Etikette gesitteten Verhaltens kennt. Sie ist ein Kind. Und das wird leider viel zu oft vergessen. Sie ist keine kleine Soldatin, sie muss mir nicht aufs Wort folgen. Sie darf und soll sich behaupten dürfen. Sie muss sich austesten (das heißt allerdings nicht, dass mir das nicht ordentlich auf den Wecker geht).

Ich glaube nur, dass wir machmal vielleicht ein bisschen viel verlangen von den kleinen Cowboykindern, die von vorherrschenden gesellschaftlichen Normen doch noch gar nichts wissen. Und dass Kinder keine Mini-Erwachsenen sind. Und auch gar nicht sein sollen. Dann war ich wieder ein bisschen ruhiger, habe an meine eigene Kindheit gedacht. Ich bin davon überzeugt, dass Angst und Drohungen auf lange Sicht nicht zielführend sind. Die Unterlassung einer Handlung aufgrund von Angst erfolgt doch meist ohne Einsicht. Und möchte ich wirklich, dass meine Tochter Dinge unterlässt, nur weil sie Angst vor den Konsequenzen hat? Nein, ICH möcht das nicht.  Ich bin mir zwar sicher, dass ich so noch viele Situationen erleben werde, die mich nahe an den Rand des Wahnsinns bringen (über die Stufe des Nervenzusammenbruchs bin ich schon lange hinaus), aber das nehme ich in Kauf. Ob das der richtige Weg ist,das weiß ich nicht. Das wird ich zeigen. Aber es fühlt sich besser an. Ehrlicher. Echter.

Aber wenn ich höre, wie andere Menschen abwertend über „Arschlochkinder“ sprechen, dann hab ich Puls. Einen ganz hohen. Weil KEIN Kind ein Arschloch ist. Klar, es gibt Kinder, die liegen mir mehr als andere. Das ist aber einfach Typfrage. Charaktersache. Und hinter jedem Verhalten steckt auch immer eine Geschichte. Oder ein Vorbild. Aber meiner Meinung nach sind Kinder die einzigen Menschen auf dieses Erde, deren Seelen noch wirklich gut sind, rein sind. Diese Kindlein sind nicht immer einfach, nicht immer nett und erst recht nicht immer liebevoll – aber es sind Kinder! Und wann sonst soll man sich austesten, wenn nicht in der eigenen Kindheit? Kindheit ist Freude. Kindheit ist Liebe. Kindheit ist Annahme. Dabei ist es nicht egal,was sie  machen. Nein, es ist vielmehr Annahme und Liebe gerade WEIL sie es machen. Sind wie sie sind.

Mein Professor hat immer gesagt: “ Ja wissen ’se, laute und aufgeweckte Kinder, das sin de sicher gebundenen Kinder. Die wissen nämlich, dassse machen können,was immer se wollen – und sie senn trotzdem geliebt“.

In diesem Sinne: Sei wild. Und frei. Und wunderbar. Aber vor allem, vor allemsei LAUT!

frauheute

Aus Liebe zum Leben.

Advertisements

2 Gedanken zu “Warum manche Tage echte Arschlochtage sind.

  1. Ach herrlich!!!
    Ich liebe deine Texte!
    So wahr, so richtig, so gut, da mein großer Mini in dem gleichen Alter ist und die beschriebenen Situation so ziemlich 1 zu 1 auf unser Leben übertragbar sind 😉
    Du schreibst so wortgewandt, so klug.
    Ich mag deinen Schreibstil sehr, deine Wortspiele, deine Wortwahl…
    Danke an Insta, dich da entdeckt zu haben :)))

    Liebe Grüße
    Julia (mammilade)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s